„Jetzt stell dich nicht so an!“ - von der Missachtung von Grenzen
- Janina Jörgens
- 14. März
- 3 Min. Lesezeit

„Jetzt stell dich nicht so an!“, hört Lisa, 4 Jahre, von ihrer Erzieherin, als sie weinend im Flur vor dem Gruppenraum der Kita sitzt. Ihre Schuhe sind vom Hinweg im Regen noch nass und sie kann sie so nicht an ihren Füßen ertragen.
„Na komm, die 5 Minuten schaffst du aber noch, richtig!?“ Tim schaut auf seine Fußspitzen, knibbelt an seinen schon blutigen Fingerkuppen und nickt mit dem Kopf, da er so überlastet vom bisherigen Schultag ist, dass er nicht mehr sprechen kann. Er hatte seine „Ich brauche eine Pause“-Karte bereits vor 10 Minuten auf sein Pult gelegt.
„Dann eben heute kein Mittagessen!“ Mama räumt den Tisch ab, dabei hat Elias es doch gerade geschafft, seine Socken richtig zu sortieren…
Alle die eben beschriebenen „kleinen“ Alltagsszenen haben einiges gemeinsam.
· Sie passieren immer und überall - dauernd…
· Das Verhalten aller Kinder hatte einen Sinn.
Das Verhalten der betreuenden Personen auch - zugegeben.
· Die Grenzen der Kinder wurden missachtet und übergangen.
Es ist soo wichtig, sich bewusst zu machen, dass jedes Verhalten einen Sinn hat und sich selbst die Chance zu geben, diesen Sinn vielleicht ein Stück weit nachzuvollziehen.
Tun wir das nicht, gehen wir permanent über die Grenzen von Personen hinweg.
Und das hat nachhaltige Folgen!
Abgesehen davon, dass es sich für die Person, deren Grenzen hier in Abrede gestellt wurden, nicht gut anfühlt (das allein sollte ein Grund sein, gegenseitige Grenzen zu respektieren… aber gut).
Es führt dazu, dass sich die Person, deren Grenzen nicht gesehen und nicht eingehalten werden, nicht sicher fühlt. Sie wird sich in Folge dessen zunehmend zurückziehen oder auch irgendwann laut rebellieren.
Weiterhin lernt eine Person auf diese Weise:
„Meine Grenzen zählen nichts, ich und mein Wohlergehen sind egal.“
Dies öffnet Tür und Tor für missbräuchliches Verhalten anderer. Denn die Menschen, die solche Glaubenssätze aufgebaut haben, neigen dazu, sich nicht mehr zur Wehr zu setzen, nicht mehr für sich einzustehen.
Auch folgende „Überzeugung“ kann sich im Kopf festigen:
„Ich kann nichts, ich bin nicht stark und nicht gut genug. Ich bin für andere Menschen zu anstrengend.“
Wofür soll es sich also lohnen, zu kämpfen? Wenn man sich so kaputt, so falsch, so anders - ja womöglich ausgestoßen - fühlt, dann hat doch alles keinen Zweck. Oder?
Wie kommt man nun also am besten durchs Leben?
Viele greifen zur „So-tun-als-ob“-Strategie. Sie beginnen zu maskieren.
Lisa zieht die nassen Schuhe an, bekommt Blasen und wunde Stellen an ihren Füssen, welche höllisch schmerzen. Auch demnächst wird sie unangenehme Dinge einfach ertragen - um keinen Ärger zu bekommen, nicht ausgeschimpft zu werden.
Mama wundert sich, warum Lisa nach dem Kindergarten immer so erschöpft ist und sehr oft sehr schlechte Laune hat…
Tim lernt, dass man „einfach“ durchhalten muss. Wenn seine Kräfte also erschöpft sind, zieht er sich in sich zurück - so lange, bis er in der Pause in die Bibliothek flüchten kann.
Vielleicht zieht Tim auch andere Schlüsse und lernt, dass die „Pausenkarte“ ja nicht hilft, dass er aber sofort den Raum verlassen darf, sobald er aufspringt und seine Mitschüler anspuckt, Stifte nach seiner Lehrerin wirft oder Dinge zerstört.
Mama wundert sich, warum Tim nicht mehr in die Schule gehen will…
Elias weiß, dass er schnell sein muss, dass Essen immer Priorität hat. Womöglich leitet er daraus ab, dass es besser ist, wenn er das Essen schnell herunterschlingt - ungeachtet der Umstände, die ihn vielleicht stören. Oder Elias verweigert zunehmend das Essen am Tisch mit der Familie, weil er so nicht gut für sich sorgen kann…
Mama wundert sich, warum „essen“ immer so ein Drama sein muss…
Wenn dann, vielleicht Jahre später, diese Menschen womöglich in einen Burnout oder eine Depression geraten sind, Ratgeber wälzen oder den Weg zu einer/m Psycholog/In gefunden haben, bekommen sie zu hören:
„Du musst auf deine Grenzen aufpassen!“
Tja - aber wo sind die???
Als Kind hatten sie womöglich irgendwann noch einen Zugang zu diesen Grenzen…
Puh - was für ein Beitrag, bitte entschuldigt die „schwere Kost“.
Lasst das mal sacken.
Und dann schaut mal bei euch nach: Wisst ihr noch, wo eure Grenzen sind? Steht ihr für sie ein?
Und wie ist das bei euren Kindern? Sind sie noch so kompetent, für sich zu sorgen und laut zu sagen: „Nein!“?
Wenn sie „Nein!“ sagen oder „Stopp!“ oder auch „Lass mich in Ruhe!“ sind sie meist nicht aufmüpfig oder frech oder gar schlecht erzogen.
Nein, sie sind einfach hoch kompetent in Sachen Achtsamkeit und Selbstfürsorge.
Treibt es ihnen nicht aus! Lernt eher von und mit ihnen!
Kanalisiert diese wichtigen Fähigkeiten, sorgt ggf. für Alternativen in der Ausdrucksweise… ;-)
Aber sonst…
Bleibt neugierig!
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